Über drei Stunden täglich online

Posted on Jul 9, 2015

handymanklein

192 Minuten am Tag sind Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren online. Sicher gilt das für den einen mehr oder die andere weniger. Aber irgendwie muss man ja einen Durchschnitt berechnen und Übersicht gewinnen – zuverlässig einmal im Jahr erfahren wir die neuesten Zahlen aus der JIM-Studie. Jugendliche und ihr Medienverhalten richtig zu begleiten, ist nicht nur für Eltern eine Herausforderung – auch Lehrer und Erzieher, die nicht digital mediatisiert aufgewachsen sind, haben damit Probleme. Entsprechend wird dieses Thema in Fachkreisen intensiv untersucht und diskutiert. So auch auf der Fachtagung der Landesstelle Jugendschutz Niedersachsen am 8. Juli in Hannover, die im Kreis von interessanten Referenten und 200 Teilnehmenden das Thema mobile Mediennutzung in den Blick nahm. Die hohe Teilnehmerzahl ist ein Indiz dafür, wie sehr Pädagogen und Erzieher sich mit dem Thema „Jugendliche und mobile Medien“ befassen – und befassen müssen. Es galt zu erarbeiten, welche Risiken und welche Chancen Medienkonsum en masse für den einzelnen und die Gemeinschaft birgt.

Jugendliche legen mit ihren Smartphones auf den Social Media Kanälen Profile an, tauschen Fotos, Smileys und dumme Sprüche aus und manche streamen auch live direkt aus dem Kinder- und Teeniezimmer. Altersgrenzen gibt es nur theoretisch. Wer beim umstrittenen Streaming-Dienst YouNow angibt, mindestens 13 zu sein, ist dabei. 97 Prozent der 12- bis 19-Jährigen besitzen ein eigenes Smartphone oder internetfähiges Handy.

Digitalisierung wandelt Gesellschaft und Werte. Jugendliche gehen mit ihren privatesten Angelegenheiten freier und öffentlicher um. Scheinbar harmlos fangen die Probleme bei der Namensgebung in den Netzwerken an: Celine123, TrueStory oder MarySaucool nennen sie sich verdeckt und kreativ – eigentlich richtig so. Aber auf einem ihrer vielen Profile bei What´s App, Facebook oder Instagram wird man sie auch mit dem Klarnamen finden – und Zuordnungen herstellen können. „Jugendliche geben private Daten weiter, um eine App herunterzuladen – oder um ein Like für einen Facebook-Post zu bekommen“, beobachtet Eva Hanel von der Landesstelle Jugendschutz, die die Tagung geleitet hat. Beschäftigte in der Jugendarbeit müssen diese Unsicherheit zwischen Aufgeschlossenheit und Leichtfertigkeit verstehen – und den Jugendlichen ein Gefühl für die richtige Balance vermitteln.
Dabei hilft ein deutsches Unwort: Medienkompetenzförderung.
Und die ist mehr als notwendig, betrachtet man den leichtfertigen Umgang mit privaten Daten in sozialen Netzwerken. Wie Nadia Kutscher, Professorin an der Uni Vechta und Expertin für das Thema mobile Medien festhielt, sind sich Jugendliche nicht bewusst darüber, in welchem Umfang die Anbieter von sozialen Netzwerken Daten sammelten und so Einfluss auf ihr Leben nähmen. Ein konsequenter Umgang mit persönlichen Daten fände nicht statt. Die Expertin der Universität Vechta sagte, es gebe zwar den Eindruck, dass mobile Medien jedem eine gleichberechtigte Teilhabe und Information ermöglichten. Tatsächlich spiegelten sich soziale Ungleichheiten aber auch in der Mediennutzung wieder. Sozial Schwache stellten viele Daten und Fotos ins Netz, die Möglichkeit einer demokratischen Teilhabe nutzten aber eher Menschen mit höherer Bildung.

Wie die Tagung zeigte, ist es hilfreich, mobile Medien auch in Schule und Jugendarbeit einzubinden, wenn man Medienkompetenz vermitteln und fördern möchte. Wer Jugendliche so erreichen will, muss selber fit sein im Umgang mit Smartphone und Tablet, mit YouTube und WhatsApp. Die Tagung hat nicht nur die Anwesenden motiviert, über neue Wege zur Förderung von Medienkompetenz nachzudenken. Auch zahlreiche Journalisten konnten wir für eine Berichterstattung gewinnen – der NDR und Radio FFN waren vor Ort, überregionale Medien berichteten.

Ulrike Beckmann